Die Hängebrücken von Arenal und wie wir lernten in Costa Rica zu trampen

Auf Empfehlung der Vermieter unserer Cabina haben wir uns auf den Weg zu den Hängebrücken von Arenal gemacht. Frühes Aufbrechen ist in dem Land obligatorisch und der passende Bus fährt um 07.00 Uhr an unserer Unterkunft vorbei – also vom Sonnenaufgang wecken lassen, Taschen packen, Wetter beobachten und raus auf die Straße.

Bus fahren hat sich mittlerweile im Gefühl eingenordet – erstaunlich wie schnell das geht. Dos billetos por Arenal… dos mille gracis con gusto… hinsetzen und gespannt sein. Die Strecke ist der Wahnsinn. Die Aussicht aus dem Fenster atemberaubend. Ein riesiger See, tiefgrün bewachsene Hänge und der Arenal der sich immer wieder majestätisch erhebt. Ein unglaubliches Gefühl sich diesem Riesen zu nähern. Leider war der Bus so voll, dass wir keine guten Fotos haben, aber es wird einen weiteren Ausflug dorthin geben.

Die Strecke ist abenteuerlich. Der Busfahrer arbeitet wie ein Tier am Lenkrad und den Pedalen. Einen Moment ohne eine Beschleunigung in irgendeine Richtung gibt es nicht. Die Schlaglöcher, können wir nicht sehen, aber wir merken jedes Loch durch die aprupten Lenkbewegungen des Fahrers. Wir passieren kleine und unscheinbare Grundstücke mit ärmlich wirkendem Bau und kurz später Anlagen, die luxuriös und erhaben über den See zu wachen scheinen. Immer wieder sieht man die Turismo-Busse die zum Fotografieren ihre Touristenfracht abladen.

Kurz hinter dem Dorf Arenal steigt der Fahrer voll in die Eisen und zieht an den rechten Rand… Stillstand. Wie geil. Unsere ersten – ich nenne sie mal – Gauchos. Eine Herde von 20 Rindern wird in Richtung Dorf über die Straße durch den Verkehr getrieben. Verrückte Ticos.

2 Stunden dauert die Fahrt. Eine kleine unauffällige Schnur muss gezogen werden, um den Fahrer den Haltewunsch zu signalisieren. Am Ende eines Staudammes ist unser Ziel fürs erste erreicht. Beim Ausstieg glänzen wir mit unseren Spanischkenntnissen. Wir hatten dem Fahrer beim Ticketkauf das falsche Ziel genannt und müssen nachzahlen – liebe deutsche Bahn, hier bitte lernen…

Um zu den Brücken zu kommen, müssen wir einen 2,5 km langen Weg zurücklegen. Klingt unproblematisch, dieser liebgewonnene Weg glänzt durch unglaubliche Steigungen und dadurch immer entweder steil bergauf oder bergab zu gehen. Unzählige Tourismo-Busse und Mietwagen mit Amis überholen uns. Wir loben ihren Fleiß und dass sie sich das alles durch redliche Arbeit verdienen. Der Lorca schwitzt wie ein Schwein und hat einige Malge Schnappatmung. Wehe die *pieppiepiep* lohnt sich nicht.

Nach gefühlten 2000 Höhenmetern und 1 Stunde Marsch kommen wir an. Der Blick ist bombastisch. Diese Sicht kann einen nicht unbeeindruckt lassen.

Für 24$ pro Person können wir das Areal betreten. Es erwarten uns 6 km Urwald und mit Glück zahlreiche Tiere. Erika meinte schon, dass wir nicht zu viel Hoffnung haben sollten und sie behielt – so viel sei vorweggenommen, recht.

Wir erhalten eine ausführliche Einfühung, die in Kurzform heißt: Don’t touch anything. Es wird uns ein Bild eines Frosches gezeigt und insistiert: don’t touch, is very poission. Keine weiteren Fragen? Gut ab rein. Gracias. Con gusto… Abmarsch.

Ein schmaler Pfad schlängelt sich in durch eine Wand aus grün. Was dann folgt ist mit Worten schwer zu beschreiben. Wir haben Bilder und Videos gemacht, um einen Eindruck zu vermitteln. Atemberaubend und spektakulär sind die ersten Worte, die dazu einfallen. Die Brücken sind, wie Hängebrücken so sind, wackelig, schauckelig und ohne wirklich festen Tritt. Alle sind nach unten durchsichtig und mit variierender Höhe. Die ersten waren leichte Kost, auch wenn Karo schnell auffällt, dass sie wieder vergessen hat, dass sie Höhenangst hat, noch kein wirkliches Abenteuer. Die letzten Brücken ließen aber alle Knie wackelig werden. Geschätzt 70 Meter Luft und Baum zwischen dern Füßen und dem Grund, nichts für Höhenangst-Mimimis.

Nach drei Stunden laufen, sind wir zurück. An der Aussichtsplattform halten wir inne und sehen ca. 10 Kolibris. Kolibris sind die Tauben Costa Ricas. Der Weg ist nicht besser geworden und dank der Abwechselung von bergauf und bergab hat man auch auf dem Rückweg viel Freude an ihm. Ein Ami hält an und fragt ob alles ok sei…. Ja alles super, das war was wir uns vorgestellt hätten. Er muss lachen ob der bekloppten Europäer….

Wir kommen am Staudamm an und müssen uns um einen Rücktransport kümmern. Die Straßenverkäufer sagen uns, dass der nächste Bus erst um 18.00 Uhr kommt. Nach Sonnentuntergang – so der einschlägige Rat immer im Haus zu sein, rückt damit in unerreichbare Ferne. Was bleibt uns anders zu tun als zu trampen.

Eigentlich trampen wir nicht mal in Deutschland. Hier sind die Alternativen beschränkt. Drei Stunden warten ist genaus so unschön wie trampen, also wir getrampt. Internationalen Handzeichen sei dank hält direkt ein Wagen. Wow keine 5 Minuten…. Mas rapido. Wir eilen zum Auto. Gerade wollte ich ansetzen, da gehen die Fenster zu und ein „No! No!“, hallt aus dem inneren. Ja danke. Halltet genau in unserer Einflugsschneise…. Die Zeit vergeht, die Sonne brennt, das Wasser wird immer knapper und so wirklich mitnehmen will uns zunächst niemand.

Eher aus Verzweifelung als mit inbrünstigen Glaube halte ich den Daumen weiter raus – man sollte nicht schnell aufgeben – und nach 30 Minuten hält ein runtergekommener Toyota „Rostig“ neben uns. Im fließenden Spanisch frage ich: „Va usted a Tileran?“ Si! Treffer! Ohne Zwischenstops. Großartig. „Puedo nosotros vamanos con tu“ schön mit den Fingern auf uns und das innere des Wagens zeigen. Si! Muchos Gracias.

Wir steigen ein. Ein „yeah!“ rutscht mir von der Seele. Der Wagen ist tiefergelgt, aber nicht weil er tiefergelegt ist, sondern weil die Stoßdämpfer so durch sind wie die Beine nach einem Ultramarathon. Er hat keine Zeit zu verlieren und tritt aufs Gas. Marleys „Trenchtown Rock“ untermalt die Szene. Hinten hat er eine fette übersteuerte Bassrolle. Arme Karo.

Die Autofahrt ist eine besondere. Den eigentlich ist es mehr eine Go-Cart-Achterbahnfahrt. Was hier wohl in den Fahrschulen vermittelt wird? Er nutzt jeden Zentimeter zum Beschleunigen und wartet bis zum letzten Augenblick um zu bremsen oder zu lenken. In Kurven wird gerne ruckartig gebremst und nachgelenkt. Gut das der Fahrer Mitte 40 ist – er muss so schon einige Jahre auf den Straßen überlebt haben. Überholt wird nach dem Motto jetzt oder nie, einige Versuche bricht er ab, aber er hat es definitiv eilig. Es geht rauf und runter und eine Kurve kommt nach der anderen und unser Wohltäter flutet weiter alle Zylinder mit Vollgas. Sprit scheint nicht zu teuer zu sein….

49 Kilometer können sich ziehen und ja sie ziehen sich. Es geht viel schneller als mit dem Bus, doch zum ersten Mal sehen wir, was die Fahrer hier für ein Verständnis von Fahrkunst und Sicherheit haben. Schlaglöcher so groß wie Planschbecken oder Wäschekisten tauchen überall unvermittelt auf und werden mit einem Ausweichmanöver quittiert und nie vergessen zu schnalzen. Fahrfehler anderer, Straßenschäden, eine Kurve, ein bremsender Vordermann und ein entgegenkommendens Fahrzeug, das vom Überholen abhält, wird mit Schnalzen kommentiert. Geseufzt wird auch, immer wenn ein neues Fahrzeug vor einem auftaucht. Je größer das Fahrzeug, desto größer der Seufzer. Wieder was gelernt, nach 10-15 Minuten mache ich vorsichtig mit.

Karo ist verdächtig ruhig auf der Rücksitzbank. Kein Wunder. Ich bin gefühlt auch leicht blass um die Nase. Wenn er ein Fahrzeug jagt, werden die Ausweichmanöver immer ruckartiger und aprupter. Ich bin froh, dass es gleich vorbei ist. Nicht mehr weit. Wir stecken hinter einem Bus fest und er unternimmt unzählige Versuche zu überholen. Gas geben, Ausscheren, bremsen und Einscheren…. und wieder und wieder. Von hinten höre ich nur ein „Stop! Sag ihm Stop!“ Ich drehe mich um, ahnend was ich sehen werde. Karos Augen sind aufgerissen wie die eines geblendeten Rehs, die Hand vors Gesicht gepresst, die Geräusche sind eindeutig… Jetzt ist guter und vor allem schneller Rat teuer. „por favor, alto aqui!“ mit Unterstützung des internationalen Zeichen für Kotzen, mache ich ihn auf die Dringlichkeit aufmerksam. Er bremst und Karo kann sich in den Seitenstreifen retten. Unser Retter guckt verwundert, und schuldsuchend. Cuanta kilometras a Tileran? Uno! Er zeigt auf Karo. Esta bien? Si si, esta normalamente. Er grinst und bekommt 3000 Colones und ein muchas Gracias.

Den Rest der Strecke laufen wir. Die Beine bekommen ihre Stärke und das Gesicht die Farbe zurück. Wir lachen ob dieses Abenteuers und des jähen Endes. Tschüss hätte sie ihm gerne gesagt. Das werden unsere 3000 Colones schon Kleine.