Liberia – von Gefängnissbesuchen, azurblauen Wasserfällen und kochendem Matsch

Nach einigen Tagen der Gemächlichkeit und des Müssigangs war es mal wieder Zeit für etwas Aktionismus. Beim Erkunden von Liberia ist uns schon vorher immer wieder ein Gebäude aufgefallen, dass von außen sehr ungemütlich wirkte. Schießscharten, Wachtürme und eine kleine Sicherheitszone drumherum, rundeten den bedrückenden Charakter des Gebäudes ab. Bis zum jetzigen Zeitpunkt hielten wir es für ein aktives Gefängnis… mitten in der Stadt, was überhaupt nicht zu dem friedvollen und sympathischen Gefühl passte, welches die Stadt vom ersten Augenblick auf uns übertrug. Was soll ich sagen, heute kamen wir von einer anderen Ecke an das Gebäude heran und siehe da, es ist ein Museum. Die Polizeiwagenansammlung der vorherigen Tage war nur Zufall – vielleicht ist in der Nähe ein gute Soda – denn heute steht nur ein Polizist vor dem Haus. Er nickt uns freundlich und einladend zu – wie eigentlich alle Ticos uns immer sehr freundlich und offen begegnen – und lädt uns geradezu ein das Gebäude zu betreten. Kein Eintritt… na so macht Kultur Spaß. Kurz denke ich an die ausgleichende Gerechtigkeit, da wir zwei Tage verpassen in denen man umsonst in ausgewählte Museen Kölns eintreten darf.

Es zeigt sich ein bedrückender Komplex. Ein großer Hof ohne besonders viel zu sehen – kahl, staubig und brütend heiß. Hierzu sei gesagt, dass Liberia eine unglaublich warme Stadt ist. Wenn die Sonne scheint, dann brennt sie mit unerbittlicher Kraft und laugt einen schnell aus. Der Hof ist also kein Ort an dem man als Gefangener gerne verweilen würde. Der Weg zu den Zellen ist schnell gefunden und das Bild lässt einen nicht so schnell los. Wer schlechte Haftbedingungen in Deutschland anmerkt, meckert auf hohem Niveau – nicht das ich schlechte Haftbedingungen in irgendeinem Land gutheißen möchte, aber die Zellen hier bieten so viel Privatssphäre wie ein Basar mit Supersonderrabatt. Es gab in dem Gefängnis drei dieser Großraumzellen – ich wage nicht zu spekulieren, wie viele Leute hier keinen Platz gefunden haben, aber sicher ist, schön war es nicht.
Besser wurde es auch in den Isolationszellen nicht. Bedrückend eng, und obwohl mittlerweile die Decken fehlten ist es bedrückend eng – das ist also auch kein besserer Platz. Hier wollte man nicht einsitzen und ich hoffe, dass das Gefängniss schon lange im Ruhestand ist. Der Lichtblick dieses Ortes ist der tierliebe Aufseher, der uns begrüßt und verabschiedet und seine beiden „Siesta-„Katzen. Zuckersüß aber auch genauso faul. Wie die meisten Ticos ist er bemüht mit uns zu sprechen, leider verstehen wir nicht viel, aber sicher ist, dass er seine Katzen liebt und dass er uns die Weltmeisterschaft gönnt und er sich besonders über den Sieg über Brasilien freut – so wie eigentlich jeden Tico.

Ich habe selten einen Ort lieber verlassen als dieses Gefägniss, was ich vom Ricon de la Viaja nicht behaupten kann. Dieser Tagestrip soll etwas besonderes sein. Es geht zu einem Nationalpark – wie sollte es anders sein – der mit Vulkanattraktionen und einem Waserfall, wie von einer Postkarte lockt. Das Wasser azurblau und angeblich kann man drin schwimmen. Wir haben einen Einheimischen als Fahrer angeheuert, der uns gut zu unterhalten weiß. Wir üben zählen bis 100 und er stellt wahnsinnig viele Fragen. Eigentlich wie alle Ticos. Ein sehr neugieriges bzw. wissbegieriges Volk. Woher wir kommen, will er wissen und ja auch er stellt fest, dass wir Fußballweltmeister sind – es muss sich irgendwie rumgesprochen haben. Er mochte unser Team und – oh Wunder – wie wir Brasilien vernichtet haben. Es fiel wieder ein Panzervergleich für unsere Spielweise. Und man glaubt es kaum ich konnte teilweise in Spanisch antworten. Auf der Rückfahrt, so viel vorab, hat er den Schwierigkeitsgrad erhöht und von Englisch auf Spanisch umgestellt – aus einem Dialog wurde so mehr ein Monolog – gut das er wieder bis 100 gezählt hat, so haben wir wenigstens das verstanden.

Wir kommen mit einer Reisegruppe an und schaffen es vor ihnen auf das Gelände und für ein paar tausend Colones dürfen wir den ganzen Tag auf dem Gelände verbringen. Wir werden belehrt, dass der kochende Schlamm sehr heiß ist und böse Verbrennungen verursachen kann also: don’t touch it. Very dangerous. Das scheinen die Jungs der Nationalparks in der ersten Arbeitsstunde zu lernen, aber gut wir sind gewarnt. Giftig ist scheinbar nichts und tödliche Tiere gibt es wohl auch keine… oh doch? Puma? Jaguar? Gut auch nicht anfassen oder? Der Ranger lacht, dass heißt wohl nein.
Wir gehen in den Urwald und sind froh, dass die Sonne nicht so knallt. Das ist zwar für die Fotos nicht die beste Voraussetzung, aber bei vollem Sonenschein hätte man den Parkour nicht schadlos überstanden.
Es ging über Stock und Stein, rauf und runter und hin und her und nicht vergessen wieder rauf und runter. Der Weg verlief kaum über einen normalen Weg sondern glich eher einem alpinen Gelände – nur im Dschungel eben. Manchmal wurde der Dschungel kurz unterbrochen und man lief über einen Weg umsäumt von weitläufiger Wiese mit vereinzelten Bäumen. Verrückt wie abwechselungsreich die Natur hier ist.

Es wachsen die wahnsinnigsten und riesigsten Bäume, die ich in meinem Leben gesehen habe. Teilweise reichen 10 Lorcas nicht, um sie zu umschlingen. Dafür gibt es hier die Würgefeige. Ein baumartiges parasitäres Gewächs, dass einen anderen Baum umwächst und so sein Versorgungssystem kapert und den Baum auf kurz oder lang tötet…vor den Viechern hat uns niemand gewarnt, aber vermutlich stehen wir nicht lange genug still um gefährdet zu sein. Der Marsch erfolgt auf einer tollen Route, die ich zugegeben nicht immer mit freundlichen Worten bedenke. So anstregend sie ist, so abwechselungsreich ist sie auch. Es geht über Hängebrücken, über Flüsse durch Flussbetten und reichlich Steinen.
Wir hatten uns vorgenommen, dass wir flüstern, damit wir vielleicht ein paar Tiere sehen. Eigentlich haben wir es mehr zum Spaß als aus Überzeugung gemacht, aber nach einer halben Stunde sehen wir eine drollige Großfamilie von Nasenbären. Schnelle und galante Läufer, die einer nach dem anderen unseren Weg kreuzt. Die Kamera natürlich im Rucksack verstaut, weil es immer wieder ordentlich regnet, wird hektisch rausgekramt. Da noch einer und weg…wieder einer noch einer, da wieder einer… Karo kramt nach der Kamera, wieder einer, dann zweie und noch einer. Es wird knapp, einen haben wir so gerade noch erwischt. Besonders lustig ist aber ihr Verhalten, wenn sie einen Feind in ihrer Nähe vermuten. Ich konnte nicht anders, als mich in ihrer vermuteten Nähe zu räuspern und ca. 10 von ihnen sind mit einem beherzten Satz die ersten 1,5 Meter des nächsten Baumes gesprungklettert. Reise nach Jerusalem für Nasenbären. Wir warten kurz und sie verlassen den sicheren Raum. Fotografieren kann man es leider nicht, da das Unterholz zu dicht war, aber weil ich kaum glaubte was ich sah, räusperte ich mich noch mal und sie wiederholten ihre Prozedur. Süß und wieselflink. Wie unglaublich süß sie sind werden wir später noch viel deutlicher erfahren.
Wir klettern also weiter und dem Lorca schwant Böses, denn das ganze Stück muss er auf wieder zurück. 5 km ist der Weg lang und das schlimmste soll noch kommen. Ich verfluche mich und jedes Gramm zu viel an mir. Zuhause machst du Aquajogging, wie es sich für nen Lorca gehört, so groß war die Verzweiflung ob des Rückweges und mit jedem Stein und jedem Schritt nahm sie zu. Nach 5 km aber die Belohnung. Man hört ihn schon früher, aber sehen konnte man ihn erst kurz vor dem Ziel. Das blaue Wasser blitzt durch eine Lichtung noch ein paar Schritte und das ist die Postkarte – nur eben in echt. Was ein Kampf, aber einer der sich gelohnt hat. Ich hoffe die Bilder spiegeln es einigermaßen wieder.
Wir verweilen eine Weile. Nicht nur um uns zu erholen – zu meiner Beruhigung bestätigt Karo, wie strapaziös der Weg war – auch um Bilder zu machen und um die Lage zu sondieren und ob man schwimmen kann. Warm ist das Wasser nicht und zu unserem Pech kommmen 10 Minuten nach uns die ersten Vorboten der Touristengruppe. Da wir keine internationale Modelkarriere anstreben wollen und das Wasser nicht wirklich warm ist, belassen wir es bei Fotos und brechen zum Rückweg auf.
Der Weg wird ähnlich brutal wie befürchet. Der erste Anstieg hat es in sich und die die Folgen werden durch die müden Knochen nicht besser. Der Hinweg hat 3 Stunden gedauert und wenn wir noch zu dem Schlammlöchern wollen, müssen wir uns sputen. Also Gas geben und immer wieder kurz durchatmen. Langsam merkt man jeden Muskeln und jedes Gelenk, aber Reisen heißt auch Komfortzonen zu verlassen. Gefühlte 3 Nahtoderfahrungen, vier Schnappatmungen und 5 Verstoße gegen das Naturbeleidigungsgesetz später sind wir wieder oben… um in wenigen Minuten an anderer Stelle wieder runterzugehen. Irgendwie vermisse ich die Raffinesse bei dem Vorgehen und denke mir, dass die Ticos eine Vorliebe dafür haben Touristen zu quälen und sie zu zwingen sich ihre Fotomotive hart erarbeiten zu lassen…vermutlich können aber die Ticos recht wenig für die Beschaffenheit ihres Landes.

Eine halbe Packung BBQ-Erdnüsse später werde ich wieder für alle Mühen belohnt. Erst landet einer dieser Punkervögel direkt über uns und direkt nach ihm kommt ein einsamer Nasenbär bei uns vorbei und sucht nach Resten. Bananenchips sind ihm jedes Risiko wert. Er kommt bis auf wenige Zentimeter an uns heran und stibitzt jeden Krümmel. Kameras mag er aber nicht besonders oder er weiß um das Recht am eigenen Bild. Immer wenn ich auslöse dreht er sich weg und macht das Bild zunichte. Aber dank genügender Krümmel erwische ich ihn doch und er nickt das Bild ab. Ein toller Moment und ein so süßes Tier, wie es sich so lang streckt wie es nur kann, um den Bananenchips mit der Schnauze so nah es geht zu sein, aber mit den Hinterläufen so weit weg von uns zu sein, wie es geht.

Mit diesem Augenblick kommen die Kräfte für die nächsten 5 km, um zum kochenden Schlamm zu kommen. Der Weg ist weniger beschwehrlich, dafür ziemlich überfüllt. Wir erreichen die Attraktion dieses Bereichs weiß-grauer Schlamm der blubbert und stinkt. Wirklich überzeugen tut es uns nicht. Auch nicht die gelbe Brühe, die brodelt und stinkt. Wir fragen uns warum man warnen muss, dass man hier nicht schwimmen gehen soll. Auf einhundert Ideen käme ich, aber in die Plörre reinsteigen sicher nicht. Vielleicht sind wir zu müde, sicher ist: Vulkane stinken wie einhundert verdaute und ausgepupste Eier.