Samara – von Schildkröten, Dschungelsurvival und dem offenen Meer

Samara muss in der Sprache der Ureinwohner malerisch oder Paradies heißen. Als wir uns zuhause einen Strand vorgestellt haben, dann sah er ziemlich genau so aus, wie wir es hier vorgefunden haben. Vielleicht waren ein paar Touristen weniger dort und auch weniger Klimmbimm-Läden oder Hotels, aber wenn man das ausblendet ist es ein Paradies. Wir sind sehr gut untergekommen und haben das Air-Conditioning schnell eingenordet. Ohne so eine Klimaanlage geht man hier in der Nacht oder der Mittagszeit kaputt und kann dabei zusehen, wie man Liter um Liter ausschwitzt. Gut das ein Pool mit exzellenter Temperatur direkt im Hof zum Hotel gehört und der Pazifik keine 5 Flip-Flop-Schlender-Minuten vom Bett entfernt ist. So ein Badeerlebniss ist unfassbar toll. Das Wasser ist zwei Meter hinter der Brandung durchsichtig, blau-grün-gemalt-schön und zehen-test-resistent-warm – so warm, dass man es kaum glauben kann. Hier könnten Kinder den ganzen Tag planschen ohne zu unterkühlen. Ach ja Augen- und Geschmackstests haben ergeben es ist meerig bis salzig mit einer Note Fisch. Hier kann man nur eine Liebe für offene Gewässer entwickeln.

Mit dem Essen klappt es immer besser. Nicht nur weil die Basis unseres Pigdin-Spanisch grundsolide ist und wir uns einen Stock an Bestellungsfloskeln überlegt haben, sondern auch weil es einige Gerichte gibt die von Grund auf vegan erscheinen – und Fruchtshakes con agua oder Obst gehen immer. Die Geschmäcker sind so unbeschreiblich rund und vollständig, dagegen stinken die in der Heimat angebotenen exotischen Früchte grundlegend ab – wir wünschten man könnte Fruchtshakes downloaden, es gäbe hier jeden Abend reichlich für Euch.

Die Anreisen hierher war gewohnt unproblematisch, aber eine Begegnug war so besonders, dass wir sie nicht vorenthalten wollten. Wir saßen im Bus und ein Mitfahrender wurde nicht müde mit uns zu reden. Auf Spanisch – genuschelt. Wir haben kaum ein Wort verstanden, aber doch genug, um den Sinn zu begreifen und um mit simplen Phrasen zu antworten. Der Einstieg war merkwürdig, denn er bot uns Gras zum Kauf an. Ähm ne du, aber danke. Er war verwirrt, die Antwort gibt es von Touristen nicht oft, wie es scheint. Es war ein langes, zähes aber auch genauso unterhaltsames Gespräch über Costa Rica, das Reisen, die Fußballweltmeisterschaft – die als Thema immer geht – und über einen Mann, der in den Bus gestiegen war und für die Leute im Bus sang, rasselte und Mundharmonika spielte -aber eher so auf nicht Recall-Niveau. Die Ticos sind sehr erfinderisch, wenn es darum geht Geld zu verdienen. Total verrückte und skurille Dinge werden an den unmöglichsten Stellen angeboten. Zahnpasta im Bus, Hängematten an der Bushaltestelle, Uhren und Handytaschen im Park und was immer geht sind Getränke in Beuteln (Frescas, die in Flaschen mit Pfand angeboten werden und nur im Beutel mit aus den Läden genommen werden können) flüssig oder gefroren – da möchte ich mal das deutsche Gewerbeaufsichtsamt sehen, die würden schon beim Anblick verkeimt umfallen.

Zurück zu Samara. Der Strand ist malerisch und das Angebot vielseitig. Wir beschlossen hier ein paar Touren zu machen. Es gab die Möglichkeit Baby-Schildkröten zuzusehen, wie sie sich ihren Weg vom Strand ins Wasser bahnen – gekauft und mit 45 Dollar der Einsteigspreis. Ein Biologe der in seinem eigenen Reservat eine Führung macht wurde für 35 Dollar ebenfalls gekauft und eine Bootstour auf einem Katamaran raus auf den Pazifik um Delphine zu sehen und zu schnorcheln für 55 Dollar wurde ebenfalls gekauft. Soviel vorweg jede Tour war ein tolles Erlebnis.

Roberto hieß unser Guide und holte uns am Hotel ab. Ein unterhaltsamer Tico Marke Surferboy. Eine Volontärin wurde auf die Ladefläche geladen und die Fahrt ging los. Dass die Straßen hier unter Umständen sehr wenig mit Autobahnen zu tun haben ist mittlerweile bekannt, am heutigen Tag sollten wir jedoch eine weitere besondere Erfahrung machen, denn die Strecke wurde mittendrin von einem nicht unbedingt kleinen Fluss unterbrochen. Ein Auto steht an der anderen Seite und sein Fahrer zögert. Roberto hält am unteren Ende einer ordentlichen Senke an, schraubt an seinem Auto rum und kommt wieder. „Schnorchel!“, sagt er, habe er gerade ausgefahren, damit die Maschine nicht im wahrsten Sinne des Wortes absäuft. Er habe schon zwei Autos im Fluss versenkt. „Jetzt weiß er aber wie es geht.“, beruhigt er uns. Und los geht es in die Fluten. Wichtigste Lektion ist: Nicht dort fahren wo das Wasser ruhig ist, sondern dort wo es aufgewirbelt wird. Ruhig heißt tief, aufgewirbelt heißt es gibt einen Untergrund. Lektion eins abgeschlossen.
Wir kommen nach einiger Zeit auf seinem Gelände an. Eine süße Hütte auf Stämmen aufgebockt ist sein bescheidenes Heim und selbstgebaut obendrein. Eine Genehmigung für den Bau gäbe es nicht, dafür könne er uns eines für 25.000 Dollar bauen. Land gäbe es hier auch für 5 Dollar der Quadratmeter. Wenn man jetzt 50.000 Dollar hätte könnte man es sich hier niederlassen – ein wenig ab vom Schuss, aber bezaubernd.
Wir folgen seinem Privatweg, den er in 10 Tagen in den Dschungel geschlagen hat, klettern über einen Zaun und kommen an einen Strand, der Samara absolut ebenbürtig ist – nur vergleichsweise menschenleer. Eine Gruppe Volontäre und einheimishcer Kinder kommt auf uns zu und ergänzt unsere 4-köpfige Touristenclique. Die Schildkröten-Eier werden direkt nach dem Legen ausgebudelt und augebrütet – zum Schutz der Tiere und vielleicht auch um den Touristen etwas zeigen zu können. Wenn sie schlüpfen, werden die Schildkröten an den Strand gebracht und ausgesetzt.
Eine Kiste wird etwas unromantisch umgestülpt und 15 winzigste Mini-Baby-Schildkröten fangen an zu krabbeln. Ein wildes Gewusel in alle möglichen Richtungen geht los. Nicht alle von ihnen wissen auf Anhieb wo es hingeht und noch weniger haben Glück mit den Wellen. Ständig werden sie wieder zurückgespült und kämpfen von neuem. Bezaubernd wie sie sich fortbewegen und Zentimeter für Zentimeter ihren Weg in die Sicherheit des Meeres meistern. Oh eine Welle und wieder werden einige der Zwerge zwei Meter zurückgespült und krabbeln weiter dem Wasser entgegen. Schließlich erreichen alle das Meer und das Schauspiel ist an einer unglaublichen Kulisse vorbei und ein Kindheitstraum erfüllt. Roberto nimmt uns mit in seine Hütte und versorgt uns mit Zitronenlimo (natürlich sind die Zitronen aus dem eigenen Garten) und ein paar Anekdoten zu seiner Hütte.

Als ich gestern die Volontärin auf der Ladefläche sah, hatte ich überlegt, ob ich an ihrer statt dort hätte sitzen wollen. Eher nein, wäre meine Antwort gewesen und dass nicht nur wegen des Wetterumbruchs den sie dort ertragen musste. Heute werde ich eines besseren belehrt. Albero unser Guide holt uns ab uns es gibt nur Plätze auf der Ladefläche. Urghs. Allerdings ist Albero ein cleverer Typ und hat Sofas auf die Ladefläche gebaut. Ok, dass ist einladend. Platz genommen und losgefahren. Der Wind pfeift durch die Haare oder über die Glatze – eine tolle Fahrt. Albero spricht durch das offene Fenster mit uns und beginnt die Tour direkt im Dorf, denn auch hier gibt es einige Tiere zu sehen. Albero macht seinen Job super. Er ist unterhaltsam, charmant und bindet sein Publikum – einen älteren Kanadier, eine Frau aus London in unserem Alter, einen Düsseldorfer in unserem Alter und uns – immer wieder durch Fragen ein und er hat viel Wissen zu vermiteln.
Wir lernen, wie die Ticos noch vor 15 Jahren in Samara gelebt haben und wie sie sich mit pfiffigen Mitteln zu helfen wussten. So wurden die Häuser durch den Rauch der beim Kochen entsteht von Moskitos entledigt und eine bestimmte Baumsorte zum Bauen für Zäune genutzt, da aus abgetrennten Ästen dieser Bäume, die man in den Boden steckt einfach neue Bäume wachsen. Dann lernen wir wie man im Dschungel Wasser findet. Eine Lilialenart kann man einfach abhacken und über Auffanggefässe aufhängen, daraus fliesst dann trinkbares Wasser. Dann lernen wir die wichtigsten Gründe, warum die Gegend um Samara eine sogenannte Blue-Zone ist. Also eine Zone in der auffällig viele sehr alte Menschen leben.
1. Lebenswandel – Pura Vida
2. harte körperliche Arbeit bis ins hohe Alter
3. das besonders mineralhaltige Wasser
4. gutes Essen
Und das Lernen geht weiter. Wir kauen Blätter und einige bekommen Termiten zu essen- wir als Veganer werden verschont. Sie sollen nusig schmecken, mal etwas dass nicht wie Hühnchen schmecken soll. Jetzt wissen wir auch, was man essen muss, um zu überleben.
Er zeigt uns einige Tiere und freut sich wie ein Kind über alle Tiere, die er sieht und darüber, dass sich der Wald, der früher eine Viehweide war, so gut erholt. Wir sehen Affen, Vögel, albino und normale Fledermäuse, Spinnen und Ameisen, von denen er sagt, dass 10 von ihnen einen ganz ordentlich den Tag versauen können und bereits ein Biss deutlich in Erinnerung bleibt.
Er führt uns zu einer Stelle mit Blick über die ganze Region. Wow trifft es und ist doch unvollständig. Pazifik und blauer Himmel so weit das Auge reicht, und auf der Landseite gründe Wälder und weiße Strände. Ein Paradies und wir mitten drin. Nach 4 Stunden endet die Tour und er bringt uns auf dem mobilen Sofa heim. Zum Abschluss gibt er uns seine Mail-Adresse – für den Fall, dass wir mal Hilfe brauchen.

Ein weiteres Highlight ist der Katamaranausflug. Wiedermal werden wir chefmäßig am Hotel abgeholt und endlich mal in einem dieser Tourismo-Busse. Roiman heißt der sympathische Kerl. Wir sind die einzigen im Bus und so bleibt es auch. Cool. Mal eine Tour ganz für uns. Wir werden mit Bier, Wasser und Früchten auf das doch erheblich kleiner als gedachte Boot gebracht. Naja wird schon. Geht bestimmt nicht weit raus. Weit gefehlt. Nachdem wir die Inselgruppe passiert haben fühle ich mich schon sehr weit draussen, aber keine Spur von abdrehen. Es wird weiter und immer weiter rausgefahren. Die Nussschale ist und bleibt eine Nussschale und das Ufer mittlerweile kilometerweit weg.
Wir werden nach vorne gebeten. Dort sieht man besser und man kann die Füße ins Meer halten. Ich denke an Filme wie der weiße Hai oder der weiße Hai 2 und daran, dass das Wasser zwar total schön blaugrün ist aber das ich seit 20 Minuten Fahrt den Grund unter mir nicht mehr sehe und beschließe mich trotzdem lorcamäßig wohlzufühlen. Ein anderes Tourenboot begegnet uns auf offener See und ich bin froh 10 Dollar mehr bezahlt zu haben. Wenn wir in einer Walnussschale sitzen, sitzt die Truppe dort in einer Haselnussschale und wir sind mit zwei Guides insgesamt zu viert und auf dem anderen Boot kann sich keiner bewegen so voll ist es. Und wir haben Schwimmwesten, da drüben ist viel mehr und leichteres Futter für den weißen Hai. Ich lehne mich entspannt zurück.

Wir suchen und finden einige Delphinfamilien. Sehr schüchtern, da sie gerade Nachwuchs haben. Die ersten freilebenden Delphine unseres Leben. Wenig später sehen wir Rochen, die sich wie Vögel unter Wasser fortbewegen. Auf dem Rückweg von der offenen See zum Schnorchelgebiet begegnen wir einer Seeschildkröte, bestimmt die Mutter der kleinen die wir vor einigen Tagen noch gesehen haben. Ein cooler Anblick.
So so. Schnorcheln. Ein Lorca atmet unter Wasser normaler ganz geschmeidig einige Zeit nicht. Ich mache den Spaß trotzdem mit und lasse mich überraschen. Und siehe da es ist tatsächlich Spaß. Wir sollen die Rettungswesten anlassen – na gut weniger Arbeit, obwohl ich mir um Auftrieb eher weniger Sorgen machen muss. Ein Guide kommt mit ins Wasser und wir sehen Fische in den schönsten Farben, schillernde, superbunte, kleine und große. Ein tolles Erlebnis, zumal das Wasser auch bei 5 Metern Tiefe noch total klar war und vor allem lorca-angenehm-warm ist. Danke Paradies, danke ihr sympathsischen Ticos für diese Touren.