Tag 1 von Köln nach Hull mit Bahn und Fähre

Endlich ist es wieder so weit. Wir gurken los!
Die Räder sind bepackt, der grobe Plan ist geschmiedet und der Wecker klingelt uns aus dem Bett. 06.30 ist unchristlich aber 6 Stunden Zugfahrt mit dem Rad stehen bevor und lieber 20 Minuten Schlaf verloren als die Verbindung.

Die Probefahrt durch Mülheim war erkenntnisreich. Es dämmert uns: 100 km am Tag werden nicht zu schaffen sein, nach 20 Minuten Fahrt korrigieren wir den Plan auf ca. 70 km am Tag. Wellnessurlaub ist anders, aber wir wollen die Komfortzone verlassen und etwas erleben.

Der erste Zustieg ist der entspannteste. Die Räder wiegen sicher 40kg und sind nicht einfach mal so zu tragen. Ein ebenerdiger Zustieg ist goldwert und Aufzüge sind unbezahlbar. Vorausschauend wie wir sind, haben wir Spanngurte dabei und können die Räder gut gesichert an die Bahnwand nieten. Nicht selbstverständlich, wie wir noch feststellen werden.

Das Fahrradabteil ist irgendwie hinter der Zeit geblieben. Fremde unterhalten sich und helfen sich. Zwei Herren machen ihre Tour von Liege nach Köln. Unserer Plan beeindruckt, das Gepäck auch. So Profi wie sie tun sind sie allerdings nicht, ihre Räder kippen nach vier Kurven um… Nichts geht über eine gute Sicherung.

Der erste Umstieg in Aachen geht gut über die Bühne. Ja wieder ebenerdig. Danke deutsche Bahn.

Der Lurch geht Kaffee holen und Karo braucht keine vier Minuten und die Polizei stellt sich vor. „Verreisen sie alleine? Mit zwei Fahrrädern?“, fragen die beiden Karo. Vollprofi! Während Karo mit der Polizei redet, treffe ich ein besonderes Exemplar. Er schnaubte und schimpfte und trug einen 15 Zoll Röhrenbildschirm durch den Bahnhof, trat dabei immer auf das Kabel und ich dachte an die frühen 90er….
Mit diesen Begegnungen und dem Hahnenkrähen im Hintergrund versüßten wir uns die Wartezeit.

In belgischen Zügen läuft das Bahnfahren mit Fahrrädern anders. Entweder man schließt die Räder in Fahrradabteilen ein, die nur vom Schaffner geöffnet werden können (dafür hat man aber anschließend Fahrradsalat vom Feinsten) oder man stellt die Räder in den Gang (ordentlich mit der Wand vernietet). Ein Tag Reisen mit dem Rad in internationalen Zügen hievt einen auf ein ganz neues Level, was die Gepäcksicherung angeht. In Zukunft gibt es Workshops dazu.

Zugfahren ist besonders zu EM- oder WM-Zeiten ein „interessantes“ Ding. Der Lurchi ist ja leicht misanthropisch, was diese belgische Schulklasse fußballspielend mit seinen Nerven angestellt hat, bedeutet ein neu erlebtes Niveau. Haken dran: Was nicht tötet härtet ab.

Ein korrekter junger Belgier hat sich während dieser Zugfahrt mit uns solidarisiert und den ultra Tipp gegeben. Eine Station eher aussteigen und nur 7 statt 13 km zum Fährhafen. Endlich geht es mit dem Rad los. Wenn auch nur bis zur Fähre.
Schnellst klar, so eine Hafenanlage ist kein fahrradfreundliches Gebiet.
Wir werden von den Trucks ordentlich durchgeschüttelt, kommen aber gut und sicher durch. Die erste Bewährungsprobe ist bewältigt.

Der Check-Inn ist unkompliziert, die Fahrräder sicher verstaut und wir entern unsere Kabine.
Nicht groß aber alles da was man braucht und sogar Betten zum Ausstrecken. Wir freuen uns darüber, dass wir für 20€ Aufpreis eine Aussenkabine gechartert haben und machen einen Rundgang.
Wir brauche eine Weile bis wir den Weg raus aufs Deck finden und werden dafür aber mit tollem Klima und einer tollen Aussicht belohnt. Das Verlassen des Hafens ist eindrucksvoll und die Off-Shore-Windkraftanlagen sind es nicht weniger.

Der Seegang ist sehr gering und wir gleiten völlig ruhig über das Wasser. Die erste richtige Bootsfahrt für uns beide. Mit Ohropax kann man schlafen, die Kurskorrekturen fühlen sich etwas schräg an, weil einem kurz das Blut ins Hirn steigt oder daraus absackt.
Der Schlaf endet mit dem Call zum Frühstück. Die Zeitumstellung sorgt für Verwirrung und wir stehen recht pünktlich bereit.
Wir sind neugierig wie die Abstimmung in England lief. Für 1,99€ einen Tagespass gebucht und gleich Gewissheit bekommen. Es ist entschieden. Wir werden bei Cameron und der Queen vorsprechen und den Brexit besprechen.

Artig warten wir auf den versprochenen Aufruf, um zu den unteren Decks zu gehen und die Fahrräder abzuschließen. Zuerst die Busfahrer, dann die LKW-Fahrer, dann die PKW-Fahrer. Eine längere Pause. Wir sind verwirrt. Besonders als die Durchsage für die unmotorisierten Passagiere kommt, wird uns klar: Wir hätten schon mit den PKWs runtergesehen sollen. Wir sammeln die Taschen hasten runter und sind schnell bereit für den Ausstieg. Abenteuerlich niedrige Decken begrenzen die Rampe. Nur nicht aufrichten. Kopf zwischen die Schultern und die Rampe runter.