Industriekultur im Pott per Rad und mit Gästen

Köln Mülheim – Herne

Wir gurken wieder mit dem Rad durch die Gegend… dieses Mal mit Erntehelfern aus dem Freundeskreis. Der Plan ist einfach: Wir verbringen Pfingsten gemeinsam auf der Route der Industriekultur.

Wir starten also am Samstagmorgen um 10:00 Uhr in Richtung Bahnhof, um dort die Begleitung Kers und Julia einzusammeln und den RE1 in Richtung Oberhausen zu besteigen. Pfingsten und langes Wochenende heißt auch auf der Schiene erhöhtes Aufkommen – so sprechen wir vor der Einfahrt offen über die Befürchtung, dass wir nicht in den Zug kommen. Bis der Zug einfährt bleibenn wir entspannt. Bisher herrschte immer große Kooperationsbereitschaft unter den Fahrradreisenden. Aber bei der Einfahrt des Zuges sieht man den Abteilen an, dass viele unterwegs sind. Durch die Türen scheinen die Abteile proppevoll. Unsere Begleiterinnen kommen mit ihren chamanten Lächeln relativ problemlos in den vorderen Wagenteil rein, die Gurken stehen derweil am hinteren Ende mitten in der Tür und hindern diese am Schließen. 2 von 4 sind drin – am Bahnhof bleiben ist keine Option mehr. „Kein Platz. Hier ist voll!“ wird uns entgegengerufen. Im Gegensatz zu den Neulingen IM Zug wissen die Gurken VORM Zug ganz genau wie viele Fahrräder in so einem Abteil passen, wir bleiben stur, werden etwas lauter und quetschen uns unerbittlich in den Wagen, damit die Tür endlich schließen kann. Mit ein paar gekonnten Handgriffen können wir Menschen und Fahrräder umsortieren und es ist genug Platz für alle da. Ein paar spitze Kommentare können sich beide Seiten nicht verkneifen. Die Wogen müssen in einem Gespräch geglättet werden, obwohl wir den praktischen Beweis angetreten und reingepasst haben. Der Lurch war zu schroff, ist der Tenor, der vorherigen Insassen. Naja, wenn sich niemand rührt nachdem man zweimal gebeten wird und alle so tun, als ginge sie das Problem nichts an, muss man deutlich werden dürfen. Aufstehen und freigeben der Sitzplätze hat eigentlich schon gereicht. Egal! Ab Düsseldorf ist Urlaubsfeeling!  Wir steigen in Oberhausen aus, sammeln uns uns legen los.

Wie schön das Ruhrgebiet ist, haben wir ja bereits bei der letzten Tour von Köln nach Berlin erlebt, aber mit der reizenden und unterhaltsamen Gesellschaft der „Erntehelferinnen“ wird die Gegend noch schöner. Eh man sich versieht und nach wenigen hundert Metern befindet man sich bereits im Grünen und nichts lässt einen glauben, dass man in der bevölkerungsreichsten und – dichtesten Region der Republik unterwegs ist. Unsere Befürchtung, dass wir uns die Routen mit unzähligen Anderen teilen müssen, wird zunächst nicht wahr. Das Ruhrgebiet gehört uns. Erstes Zwischenziel ist das Gasometer. Zurzeit mit einer Ausstellung über Bergsteigen am Matterhorn – Julia da musst du Präzision schaffen. Wichtig ist, wir wollen hin und die Austellung besuchen, aber ein anderes Mal. Das Gasometer – das am Rande – sollte Schwankungen in der Gasversorgung ausgleichen. Allerdings nicht für Privathaushalte, vielmehr wurden die Gichtgase aus der Eisenverarbeitung/Veredelung zu den Kokereien weitergeleitet. Da nicht immer alles reibungslos lief wurde mit dem Gasometer ein Zwischenspeicher geschaffen. Der Gasometer wurde innerhalb von zwei Jahren gebaut – gestartet wurde im Februar 1927. Mit 117,5 m Höhe und einem Durchmesser von 67,6 m war er damals der größte Gasbehälter Europas. 1,74 Millionen Reichsmark kostete der Bau – gut angelegtes Geld, denn der Betrieb rechnete sich schon nach dem ersten Jahr.

 

Von dort ging es an einem Rhein-Herne-Kanal weiter. Raps mal blühend mal kurz davor, Wiesen und Brachen säumten unseren Weg. Wunderschön und besinnlich trifft es. Kurze Zeit später kamen wir auch schon an das zweite Zwischenziel. Der Tetraeder in Bottrop. Eine echte Herausforderung in zweierlei Sicht.
1. Man muss einen ordentlichen Hügel hoch. Richtig ordentlich. Der versierte Leser kennt das Gleichnis, dass an dieser Stelle nicht fehlen darf: Der Puls schlug nach den 15 Minuten bis ins Stammhirn und ja, der Kreislauf blies die Symphonie der Vernichtung. Amtlich… vor allem mit Reisegepäck!
2. Um diese Aussichtsplattform in Gänze zu erleben, muss man 120m über Lichtgittertreppen nach oben krackseln. Und man sieht nicht nur ziemlich klar den Boden weiter unter sich verschwinden, Teile dieser Treppe würden fast jeden beunruhigen, denn sie schwingen und wackeln. Vom Boden zu Plattform 1 war wirklich alles fein. Zur Plattform 2 kam eine steile Treppe aus Lichtgittern – und das Drecksding bewegte sich deutlich. Plattform 2 bestand zu allem Überfluss aus Lichtgitter und ein Steg aus Lichtgitter führte zu einer Wendeltreppe aus – genau – Lichtgitter. In allen Gruppen auf dem Tetraeder sind Mitmenschen denen der Weg hierher nicht leichtgefallen ist. Fiese Sprüche liegen in der Luft und lassen nicht lange auf sich warten. Runter kommen wir sicher. Einer meinte zu seiner Frau glatt: Wenn er (und zeigte auf den Lurch, das federleichte Persönchen) drüber laufen kann, hält dich das auch… Ja der rustikale Charme des Ruhrgebiets liegt in der Luft. Nachdem wir die Wendeltreppe erklommen hatten, schloss sich ein Rondell an. Das perfide an dem Rondel war, dass es völlig schief war. Diese Schieflage gab einem permanent das Gefühl zu kippen. Der Lohn dafür ist eine spektakuläre Aussicht, das Gefühl sich seinen Ängsten gestellt zu haben und sie obendrein auch überwunden zu haben.

Ein weiterer Lohn war der Abstieg und dass wir nun diejenigen waren, denen es leicht fiel die Zögerlichen zu „motivieren“… „Ja das war toll… aber diese eine lose Bodenplatte hätte wirklich gefährlich werden können.“ Ja gemein, aber auch witzig.

Direkt nach dem Erfolgserlebnis kam eine weitere Belohnung, denn wir durften den Berg wieder runterfahren. Schussfahrt ist das schönste. Wenn man die Bremse löst und merkt, wie die Schwerkraft an einem zerrt… ein tolles Gefühl, dass leider immer viel weniger lange dauert, als die Arbeit nach oben zu gelangen. Wir setzen den Weg fort. Mal durch Wälder, mal am Kanal und wir „fressen“ Kilometer für Kilometer und machen immer wieder kurze Rastpausen. Wie es sich für eine gemütliche Radtour gehört.

An der Zeche Ewald rasten wir länger und trinken unser erstes Radler des Tages. Die Anlage gefällt uns wirklich sehr, genau die richtige Mischung aus Ruine und Wiederhergerichtet. Wir sehen einige Männer mit riesigen Teleobjektiven, die auf die kaputen Gebäude gerichtet sind. Julia fragt, was die den da wohl fotografieren,  „na die Uhus“. Ist klar… wir fühlen uns veräppelt. 

Mit 49 km auf dem Tacho, kommen wir am Hotel an. Entladen, checken ein und fahren, weil es so viel Spaß macht noch mal ein paar Kilometer zum Einkaufen und auf dem Rückweg essen… Fritten mit Salat oder Rahmchampignons und Bier oder Radler – so sieht ein gelungener Ausklang aus.

Aber nicht ohne die Klänge der Aua-Aua-Rufe auf dem letzten Kilometer vom Restaurant zum Hotel. Tür zu, Augen zu… morgen geht es weiter.

 

 

 


Herne – Bochum

Der nächste Morgen fängt lustig an. Wir müssen unsere Fahrräder im Dunkeln bepacken, da der Fahrradkeller kein Fenster hat und das Licht nicht angeht. Eine Hotelangestellte möchte helfen, sie bekommt das Licht aber auch nicht an und vermutet ein Problem mit der Sicherung. Als eine andere Angestellte vorbei kommt und das Problem erkennt. Ruft Sie aus: „Es können doch nicht alle drei auf einmal durchgeknallt sein!“ Wir lachen und fragen uns warum den nur drei? Gibt es etwa eine normale Person in unserer Runde? So trete Sie hervor! Vielleicht lag es daran, dass der Lurch wie immer als letzter die Treppe runterkommt… Spät dran, aber dafür nicht durchgeknallt. Glück gehabt.

Bevor wir uns aber auf dem Weg machen, klärt uns Julia über die Uhus und die Männer von gestern auf. Die Herren haben wirklich Uhus fotografiert! Auf Zeche Ewald hat sich im letzten Jahr nämlich tatsächlich ein Uhu-Päarchen niedergelassen und leider endete die Aufzucht des Nachwuchs zuvor sehr tragisch. Deswegen sind die Uhus nun „Rockstars“ und Ihre Rückkehr samt Nachwuchs wird gefeiert (und eben auch fotografiert). 

Unsere Strecke führt uns ein kleines Stück zurück, um an den Kanal zu kommen. Wir wollen den Kanal an einer Schleuse überquerren, diese ist aber leider gesperrt. Das Schleusenhaus (die Adresse lautet im übrigen: An der Schleusse 33 a) wird renoviert. Wir steuern die nächste Brücke an und machen nach 2 km die erste Fotopause von der Brücke aus und beobachten eine Weile die Kanufahrer auf dem Kanal. Als wir uns nach einiger Zeit an unsere Mission erinnern, radeln wir weiter.

Die Strecke ist wunderbar abwechslungsreich, Kanäle, Wälder, Innenstadt und Parks wobei die städtischen Abschnitte wirklich sehr übersichtlich sind. Wir versuchen immer den Schildern der Industriekultur zu folgen. Der Zustand der Beschilderung reicht allerdings von „sehr gut“ bis „nicht vorhanden“ – von daher ist es nicht sehr verwunderlich, dass wir es an der einen oder anderen Stelle geschafft haben, die Route zu verlieren. Hier greifen wir sehr oft auf die Beschilderung für die Autos zurück oder auf den zuverlässigen „Board-Computer“, vor der Reise hatte dieser noch den Namen GPS-Gerät. Gelegentlich hilft es auch einfach gerade aus zu fahren, irgendwie schafft man es immer auf irgendeinen Zubringer zu kommen, der einen dann wieder auf die Hauptroute führt. Alles in allem bleibt es recht entspannt.

Ein kleines Highlight zwischendurch ist das Stück alte Bahntrasse, welche rückgebaut wurde und nun als Fahrradweg dient. Ab und zu sieht man ein paar Relinkte aus alten Zeiten wie z.B. ein Rest Bahnsteig oder ein paar Restschienen. Fast möchte man Zuggeräusche von sich geben, nur fast.

Das zweite Highlight des Tages ist der Ruhrradweg, entlang der Ruhr durch tolle Natur fliegen die Kilometer nur so da hin. An diesem Abschnitt der Strecken fangen wir dann doch an zu merken, dass es Pfingsten ist, schönes Wetter und ein wunderschöner Radweg. Wir teilen uns die Strecke mit recht vielen anderen Radfahrern. Nachdem wir Herten durchquert hatten, treffen wir auf eine sehr lange Schlange von Radfahrern, die auf eine Fähre zum Überqueren wartet. Wir haben irgenwie keine Lust zu warten und sehen auf der Karte, dass der Weg in ein paar Kilomentern sowieso wieder auf die andere Seite führt. Wir fahren also weiter zur Burg Hardenstein. Eigentlich eher eine Ruine. Dort machen wir ausgiebig Rast und merken nach 100 Metern warum alle auf die Fähre gewartet haben. Das lässt sich sehr schnell erklären: Berg überqueren vs. ebener Ruhrtalweg. Und man muss nicht lange zur Schule gegangen sein, um zu erraten dass die Damen und Herren nicht auf die Fähre gewartet haben, weil danach ein Berg kommt… Da waren sie uns eindeutig voraus – und haben uns nicht gewarnt.

Der Ruhrtalweg führt uns dann gemütlich weiter Richtung Ziel. Wir treffen auf ein Schild Richtung Bochum Dahlhausen und das führt über den Berg. Wir disktuieren, ob wir den Ruhrtalweg doch lieber weiter folgen oder den Berg nehmen. Keiner weiß, warum wir uns für den Berg entschieden haben. Keiner. Und vielleicht hätten wir uns anders entschieden, hätten wir den Berg vorher gekannt. Am Gipfel wurden wir von Einheimischen in Empfang genommen. Weniger mit Fanfaren, aber mit dem Hinweise, dass der Radweg eigentlich unten entlang führt. Ein Schild ist kaputt und man trifft in letzter Zeit häufiger Leute hier oben, die eigentlich unten sein wollten…

Wir komen aber mit stolzen 54 km auf dem Tacho in Bochum Dahlhausen an und finden nach 3 Kreisfahrten um die Unterkunft unsere Bleibe für die Nacht. Kann ja keiner ahnen, dass Hotels sich Gebäude mit LIDL teilen. Immer wieder was neues.

Wir wollen unsere Fahrräder in den Abstellraum unterbringen, allerdings sind die dort stehenden fünf Räder so unglücklich hingestellt, das hier kein Platz für uns ist. Zwei andere Radfahrer, die sich im Tetris spielen vermutlich niemals mit Ruhm bekleckern werden, antworten uns entsprechend aggressiv, das es hier keinen Möglichkeiten mehr zum Abstellen gibt. Wir begutachten und haben keine Lust alles umzuarrangieren. Von daher entscheiden wir uns dafür die Räder nach oben zu tragen und vor unserem Zimmer abzustellen und aneinander zu schließen. Wir setzen uns an die Ruhr an einem urigen Biergarten und lassen mit spanischen Tapas und Radler den Tag ausklingen. Verdient, wie wir betonen möchten! Absolut verdient.


Bochum – Mülheim an der Ruhr

Da wir so begeistert vom Ruhrtalweg waren, haben wir am Abend beschlossen, dass wir diesem bis Mülheim an der Ruhr folgen wollen, um dort den Zug nach Hause zu besteigen.

Vor Abfahrt möchten wir noch gemütlich an der Ruhr frühstücken, wir suchen uns ein nettes Plätzchen zum niederlassen. Kurz wähnen wir uns in trügerischer Sicherheit, dann rückt eine Gänse-Armee an. Ohne zu Zögern und unterbittlich rücken etliche Gänse zu uns vor. Es ist nicht erkenntlich, ob sie uns verscheuchen wollen oder ob sie sich einfach nur was zu futtern erhoffen. Das ganze wirkt so bedrohlich, dass wir dann doch lieber die Segel streichen und an einen anderen Platz ausweichen. Dort werden wir noch einmal von einem Schwan bedrängt, doch dem halten wir Stand und teilen nix – gar nicht erst anfangen, die kommen immer wieder ;).

Es ist Pfingstmontag, das Wetter ist wunderschön und daher ist es nicht sehr verwunderlich, dass die Strecke sehr gut besucht ist. Das ganze Ruhrgebiet scheint unterwegs, dennoch genießen wir unsere gemeinsame Radtour sehr. Wir passieren den Baldeneysee. Ein zumindest für den Lurchi wichtiger Ort. Dort besaßen Vorfahren mal eine hübsche Villa, eh alles durch Pferderennen (kein Witz) und den 2. Weltkrieg verloren ging. Naja jetzt halt Kassa-KarMar in Köln-Mülheim. Es ist fast das gleiche. Nach 42 km auf dem Tacho rollen wir in den Bahnhof ein und können nach kurzer Wartezeit schon den Zug nach Hause betreten.

Eine wirklich sehr schöne Tour mit netter Begleitung endete so am Nachmittag und so hatten wir den Rest des Tages noch viel Zeit allen Muskelgruppen, die zum Fahrradfahren da sind nachzuspüren.